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Es war einmal ein Herz....

Er sucht...

Anzeige vom 17.11.2022 in der Rubrik "Er sucht..."
ID: 1699405
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Beschreibung

Ich wünsche allen verletzten und enttäuschten Herzen eine wunderschöne Adventszeit und ein gesegnetes Weihnachtsfest.



"Es war einmal ein Herz, das schlug 100.000 mal am Tag ‒ nicht mehr und nicht

weniger. Es schlug nun einmal soviel wie es nötig war. Das Herz war nicht von

der gleichen feuerroten Farbe wie all die anderen Herzen, sondern besaß nur

ein schwaches Blassrosa. Das schlimme war, dass es mit der Zeit immer mehr

an Farbe verlor. Der Lebenskampf hatte es geschwächt und obwohl es noch

nicht sehr alt war, hatte es schon viele Falten. Eines Tages war es auf die Idee

gekommen, einen Verschlag um sich zu bauen. So suchte es den härtesten

Stein für die Wände, das massivste Holz für das Dach und den stärksten Stahl

für die Tür. Nur so, dachte das Herz, konnte niemand mehr hinein zu ihm um es

zu verletzen ‒ niemand konnte es mehr zerreißen. Endlich war es sicher.

Nun saß das kleine Herz in seinem Verschlag, lugte hinaus durch die Fugen im

Stein und hörte über sich das Knacken des Holzes. Es war ziemlich dunkel und

kalt dachte sich das Herz. Aber es schloss einfach die Augen und tat was es

immer tat ‒ schlagen, 100.000mal am Tag. Vor lauter Langeweile zählte das

Herz jeden Schlag mit, bis es ihm überdrüssig wurde. So vergaß es manchmal

einen Schlag zu tun. Das Herz fragte sich, was es überhaupt noch für einen

Sinn hatte zu schlagen. Was das Herz vergessen hatte war, dass es sich zwar

in Sicherheit vor allem Bösen befand, es niemand mehr verletzen und

enttäuschen konnte, dass aber auch niemand mehr hineinkommen würde, der

mit ihm lachen täte, jemand der Purzelbäume mit ihm schlagen würde und es

wärmte.

Nach einiger Zeit fing das Herz an darüber nachzudenken. Es merkte, einen

fatalen Fehler begangen zu haben. Mit aller Kraft versuchte es die Stahltür

aufzudrücken, doch sie war zu schwer, als dass sie sich bewegen ließ. So

begann es gegen die Steinwände zu hämmern, doch außer, dass sich ein paar

Brocken lösten, passierte nichts. Der Stein war zu gewaltig. Als es sich am

Dach zu schaffen machte, zog es sich nur einen dicken Splitter zu. Panikartig

saß das kleine Herz in seinem selbstgebauten Gefängnis und schlug

mindestens doppelt so schnell wie sonst. Wie konnte es nur den Schlüssel in all

seiner Trauer vergessen? Das Herz verfluchte sich für sein elendes

Selbstmitleid. Wie gern würde es sich jetzt den Stürmen des Lebens hingeben,

sich vor Angst zusammenkrampfen, vor Freude hüpfen, wenn es nur könnte.

Es schaute durch das Schlüsselloch hinaus in die Welt und sah die anderen

Herzen. Einige waren blass so wie es selbst. Sie schlichen durchs Leben

geduckt und allein. Andere wiederum sprangen in leuchtendem Rot ‒ Hand in

Hand über Stock und Stein, unerschrocken und gestärkt vom anderen. Doch

was das Herz dann sah ließ es staunen und es konnte seine Tränen nicht

verbergen. Da lagen Herzen im Staub mit Füßen getreten. Sie waren weiß und

regten sich kaum noch. Sie schlugen vielleicht noch 20mal am Tag. Niemand

kümmerte sich um sie, denn auch sie hatten einmal den Schlüssel ihres

Gefängnisses so gut versteckt, dass niemand ihn fand.

Da fühlte das Herz zum ersten Mal, dass es ihm noch gar nicht so schlecht

ging. Noch war es rosa und noch fühlte es etwas. Es musste nur diesen

Schlüssel finden zu seiner Stahltür. So machte es sich auf die Suche und

probierte alle Schlüssel die es finden konnte aus. Es probierte sogar Schlüssel,

von denen es von Anfang an wusste, dass sie nicht passen würden. Nach

einiger Zeit merkte das Herz, dass es wieder einen Fehler begangen hatte. Es

war zu unüberlegt, zu krampfhaft an die Suche gegangen. Es verstand, dass

man das Glück nicht erzwingen konnte. Frei ist man nur, wenn man frei denken

kann.

Das Herz entspannte sich erst einmal und beschäftigte sich mit sich selbst. Es

schaute in den Spiegel und begann sich so zu akzeptieren wie es war ‒

blassrosa und faltig. Es spürte eine wohlige Wärme in sich aufsteigen und eine

innere Gewissheit, dass es auf seine Art und Weise wunderschön war.

So fing es an zu singen, erst ganz leise und schnurrend und nach und nach

immer lauter und heller, bis es ein klares Zwitschern war, wie das eines Vogels

am Himmel. Durch den hellen Ton begann der Stein an einer Stelle

nachzugeben. Mit riesengroßen Augen starrte das kleine Herz auf diese Stelle,

wo ein goldenes Schimmern zu sehen war. Das Herz traute seinen Augen nicht.

Da war der Schlüssel, den es damals mit in den Stein eingemauert hatte. Das

hatte es durch all seinen Schmerz und sein Selbstmitleid vergessen und jetzt

wo es den Schlüssel in der Hand hielt, fiel es ihm wieder ein, wie es ihm vor all

den Jahren so sicher erschien, ihn nie wieder zu brauchen.

Langsam und voller Bedacht den Schlüssel nicht abzubrechen, steckte das

Herz ihn ins Schloss. Mit lautem Quietschen schob sich die schwere Stahltür

zur Seite. Das Herz machte einen Schritt nach draußen, schloss die Augen und

atmete tief die frische Luft ein. Es streckte die Arme aus, drehte und wendete

sich, blickte nach oben und nach unten und hörte gespannt mal hierhin und mal

dorthin. Das Herz dachte wie schön das Leben doch sei, machte einige Hüpfer

und begab sich auf den Weg um Freunde zu finden.

Der Erste, den es traf, war ein lustiger Geselle, der das Leben zum schießen

komisch fand und über 1000 Freunde hatte. Nachdem das Herz einige Zeit mit

ihm verbrachte, mit ihm alle erdenklich lustigen Sachen anstellte, merkte das

Herz, daß diesem Freund einiges fehlte ‒ der Tiefgang!

Was war das für ein Freund, mit dem man nur lachen aber nie weinen konnte?

Mit dem es nur durch dick aber nie durch dünn gehen konnte? So zog das Herz

weiter ‒ allein, aber reich an neuer Erfahrung ‒ bis es auf eine Gruppe anderer

Herzen stieß. Es wurde direkt freundlich in ihre Mitte aufgenommen. Es war ein

ganz neues Gefühl von Zugehörigkeit. Da war nun eine große Gruppe, wie eine

Familie die zusammen hielt, wo alle gleich waren. Jeden Morgen standen sie

gemeinsam auf, tranken den gleichen Tee, aßen vom gleichen Brot und

gestalteten jeden Tag gleich. Das Herz war glücklich ‒ eine Zeit lang, bis es

spürte, dass auch dies nicht das richtige Ziel sein konnte, denn auch seinen

vielen neuen Freunden fehlte etwas ‒ die Individualität! In ihrer Mitte gab es

keinen Platz für jemanden, der Eigenständig war und sein Leben selbst planen

wollte.

Also löste sich das Herz auch aus dieser Verbindung und genoss sein eigenes

Leben. Es ging über 112 Wege, um 203 Kurven und 24 Berge und Täler, bis es

an einem Haus ankam, dass mit Stacheldraht umzogen war. Aus dem

Schornstein quoll Rauch, das hieß, dass tatsächlich jemand in diesem Haus

leben würde. In einem Haus, das nicht einmal Fenster hatte. Bei diesem Anblick

fiel dem Herz ein, wie es selbst einmal gelebt hatte. Wie sehr es damals gehofft

hatte, dass jemand ihm helfen würde und doch niemand sein stummes Flehen

erkannt hatte. Es wusste, dass es ihm aus eigener Kraft gelungen war und es

war sehr stolz darauf. Aber wie konnte es diesem armen Herzen helfen aus

seinem Verlies zu kommen?

Das Herz besorgte sich eine Drahtschere und versuchte den Stacheldraht zu

durchtrennen. Aber nach einiger Zeit verließen es die Kräfte. Auch dieses Herz

hatte keine Mühe gespart, für sich den stärksten Stacheldraht zu finden.

Obwohl das Herz das andere nicht sah und auch nicht hörte, sondern nur

ahnen konnte, was das für ein Herz war, fühlte es eine starke Bindung zu ihm.

So grub es ein Loch im Boden unter dem Stacheldraht, um dem anderen

wenigstens nah zu sein. Es stand vor einem Haus ‒ vor der gleichen dicken

Stahltür wie einst seiner ‒ und begann zu reden.

Tagelang, nächtelang stand es einfach nur da und redete. Es erzählte von

seinem Schicksal. Erzählte ihm, was ihm alles in seinem Leben widerfahren war

und es hörte ein Schluchzen hinter der dicken Tür. Unermüdlich sprach das

Herz weiter. Über die lustigen Sachen, die es mit seinem ersten Freund erlebt

hatte, über die Wärme, die es bei seiner Familie erfahren hatte und es vernahm

ein leises glucksen von innen. Erst leise, bis es sich immer lauter in ein

gellendes Lachen verwandelte.

Plötzlich sprach das Herz hinter der Stahltür. Es wollte hinaus zu ihm, und es

sehen. Es wollte sich an seine Schultern lehnen, sich an es drücken und es nie

wieder verlassen. Das Herz war glücklich, endlich so jemanden gefunden zu

haben, aber was sollte es nur tun? Wie auch bei ihm früher, wusste das andere

Herz nicht mehr wo es den Schlüssel versteckt hatte. So fasste das Herz den

Entschluss loszugehen, um den Schlüssel zu suchen. Nur wo sollte es

anfangen? Es lief ziellos umher, suchte hinter den Büschen, auf Bäumen,

tauchte in Seen danach, fragte alle die seinen Weg kreuzten, aber niemand

wusste Rat und nirgends fand es den Schlüssel.

So ging es mit schwerem Herzen zurück zu der kleinen Hütte. Krabbelte durch

das Loch unterm Zaun, um die schlechte Nachricht zu überbringen. Doch zu

seinem Erstaunen, fand es die schwere Stahltür geöffnet. „Wie war das möglich

gewesen?“ dachte das Herz.

Plötzlich hörte es eine freundliche und liebevolle Stimme hinter sich. Da sah es

ein kleines blassrosa Herz stehen mit glühenden Wangen. „Ich habe hier auf

Dich gewartet.“ sagte das kleine Herz. „Ich habe erkannt, dass man es im

Leben nur aus eigener Kraft schaffen kann, aus seinem Gefängnis zu

entkommen. Doch so viel Kraft konnte ich nur durch dich erlangen. Durch deine

Liebe zu mir und meiner Liebe zu dir habe ich den Schlüssel zur Tür meines

Herzens gefunden, der mir gleichzeitig die Tür meines Verlieses öffnete.“ Sie

nahmen sich an die Hand und gingen von nun an alle Wege gemeinsam, ihr

Herzschlag im gleichen Rhythmus bis an ihr Lebensende."

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